Friedrichstadt: Noch mehr Weltmarkt – noch weniger Wochenmarkt?

Friedrichstadt, 2. Februar 2019. Donnerstag hat ein weiteres Traditionsgeschäft in Friedrichstadt seine Türen geschlossen. Über 30 Jahre gab es bei Anke und Peter Zeeden in der Westermarktstrasse  11 selbstgeräucherten Fisch und feine Fischsalate. Peter Zeeden fuhr täglich nach Husum um frischen Fisch zu kaufen. Der wurde noch am selben Tag in der hauseigenen Räucherei verfeinert. Nicht nur Touristen auch Einheimische wussten das zu schätzen.

Früher gab es in Friedrichstadt viele kleine Lebensmittelgeschäfte

Anke Zeeden erzählt, dass es früher in Friedrichstadt drei Bäcker gab, die selbstverständlich vor Ort backten, drei Fleischer und überhaupt, die Straßen waren voller kleiner Geschäfte für die Nahversorgung. Sie sagt auch: “Alle hatten genug zu tun“. Die Nahrungsmittelhandwerker gaben ihre Geschäfte nicht auf, weil die Kundschaft fehlte. Sie hatten keine Nachfolger. Das trifft auch auf das  Fischfeinkostgeschäft  Zeeden zu.

Der freitägliche Wochenmarkt  sah in dieser Woche leider auch traurig aus: Nur der Verkaufswagen des Geflügelhändlers Hofnissen war dort zu finden und Fischhändler Rieger. (Danke dafür!)

Frisches Gemüse aus der Region gab es nicht.

Dass die rund 100  „Dallmeyers Backhus“  Backstuben in Schleswig-Holstein, die bisher in Hohenwested (Kreis Rendsburg/Eckernförde) produzierten, an einen norddeutschen Großbäcker verkauft wurde, ist ein weiterer aktueller Baustein zum Einheitsessen.

Brauchen wir Spargel im Januar aus Peru?

Wer sich in Friedrichstadt gerne mit regionalen Produkten versorgen möchte, der hat kaum Möglichkeiten. Dafür ist der Spargel aus Peru im Januar mit 1,99 Euro besonders günstig. Aufgetaute Nordseekrabben (vermutlich in Tunesien gepult) gab es kürzlich zu einem Kilopreis von 7,99 Euro im Sonderangebot.  Die gleichen Krabben kosteten wenige Meter weiter im Tiefkühlregal bis zu 4 Euro pro 100 Gramm. Vor gar nicht allzu langer Zeit waren es sogar bis zu 5 Euro. Weil die Krabben in der Nordsee überfischt waren. Gibt es da einen Zusammenhang?

In den  50er Jahren war die Sicherstellung  einer ausreichenden und gesunden Versorgung der Stadt ganz selbstverständlich Gegenstand kommunaler Politik. Inzwischen hat man dies den vier großen Lebensmittelkonzernen überlassen, die 80 Prozent des Lebensmittelmarktes beherrschen. Dies liegt auch daran, dass es schon lange keinen Mangel mehr an Lebensmitteln gibt, sondern einen Überfluss, der selber zum Problem geworden ist. Überernährung und falsche Ernährung machen viele Kinder und Erwachsene inzwischen krank und treiben die Kosten für die Krankenversicherung in die Höhe. Doch der Widerstand wächst. Auch in Kiel hat sich im letzten Jahr ein Kieler Ernährungsrat gegründet, der sich für eine regionale, faire und möglichst naturverträgliche Versorgung der Stadt einsetzt.

Zu viele Discounter auf der grünen Wiese 

Dass es so weit kommen konnte, hat auch damit zu tun, dass die Kommunalpolitik zuließ, dass sich vor den Toren der Stadt, immer mehr Discounter ansiedelten, die den kleinen Läden in der Stadt das Leben schwer machen. Die Erschließung und Bewerbung von Gewerbegebiete wird von uns allen bezahlt. Die Folgen  der Verluste an regionalen Arbeitsplätzen und kultureller Vielfalt auch.

Geiz ist nicht geil – sondern dumm 

Der Glaubenssatz „Geiz ist geil“ hat in den 80er Jahren das Kaufverhalten in allen Marktsegmenten dramatisch verändert. Porsche, Mercedes und  SUV-Besitzer fahren mit gutem Gewissen beim Discounter vor. Manch einem unter ihnen bleibt auch gar nichts anderes übrig, weil die Leasingraten für die überdimensionierten Statussymbole das Haushaltsbudget überfordern. Teure Autos und vergoldete Wasserhähne im Badezimmer ist ihnen mehr wert, als die Qualität der Lebens-Mittel, die sie essen. Dabei ist Ernährung der Schlüssel zu einer guten Gesundheit – oder das Gegenteil davon.

Ob der Bäcker, der Fleischer und die Handwerker um die Ecke  ein gutes Auskommen haben und deshalb auch ausbilden können, ist ihnen genauso egal, wie die gefährlichen Folgen der industrialisierten Landwirtschaft für unser Klima oder das Insektensterben.

Die Ortsgestaltungssatzung wiederum ist vielen Kommunalpolitikern wichtiger, als die Möglichkeit in der Stadt zu produzieren.

Erst wenn die Handwerker – wie derzeit – auch nach drei Monaten noch nicht kommen, um den Wasserhahn zu reparieren,, und die Kinder keine Ausbildungsplätze in der Region mehr finden, fällt ihnen auf, wie wichtig es ist, dass es die kleinen Unternehmen vor Ort noch gibt.

Geld muss fließen – am besten in der Region

Wer ein gutes Leben für uns alle möchte, muss die regionale Ökonomie unterstützen und verstehen, dass eine Wirtschaft, in der keiner keinem etwas „gönnt“ und sich alle ständig betrogen fühlen, weil sie das Gefühl haben, sie könnten eine Leistung oder ein Produkt noch billiger bekommen, der eigentliche Grund Armut ist. Eine Volkswirtschaft blüht auf, wenn wir alle unser Geld gerne und richtig ausgeben – und eben nicht an der falschen Stelle sparen. Dass der Mittelstand in Deutschland immer weiter schwindet, ist nämlich auch Folge unseres eigenen Verhaltens.

Wir haben es selber in der Hand

Schauen wir uns beispielsweise das ganz normale Verhalten einer Freundin aus Ostholstein an. Ihre Familie besitzt dort einen Hof mit rund 100 Kühen. Sie erzählt mir regelmäßig, wie schwer der Hof es hat. Niedrige und schwankende Milchpreise gefährden die Existenz und sie hat immer öfter ein Problem damit, einen auskömmlichen Preis für ihre Eier und ihr Fleisch zu erzielen.

Des ungeachtet, berichtete sie mir regelmäßig stolz darüber, dass sie einmal die Woche viele Kästen Coca-Cola (statt regionalen Apfelsaft) und massenweise Käse, Fleisch und Aufschnitt im Sonderangebot einkauft – nachdem sie  die Prospekte der Discounter studiert hat, die uns ungefragt in die Briefkästen flattern. Dass es zwischen diesen beiden Entwicklungen einen engen Zusammenhang gibt, darüber hatte sie bisher nicht nachgedacht. Und heute, nachdem es sie eigentlich weiß, ändert sich ihr Verhalten trotzdem nicht.

Himmel oder Hölle? Wir haben täglich die Wahl

Mit der (kleinräumigen)  Wirtschaft verhält es sich nämlich so, wie in einem bekannten Gleichnis das von Himmel und Hölle handelt.

In der Hölle sitzen Menschen vor einem Topf mit köstlichem Essen und sind trotzdem blass, mager und elend aus. Der Grund:  Die Stiele  ihrer Löffel sind viel zu lang, so dass es ihnen nicht gelingt,  das herrliche Essen in ihren Mund zu führen. Im Himmel hingegen sitzen lauter fröhliche und wohlgenährte Menschen um einen Topf gleichen Inhalts. Sie sind  froh, weil sie den langen Löffel nutzen, um sich gegenseitig zu füttern.

Wer eine funktionierende lokale Wirtschaft möchte, der muss selber einen Beitrag dazu leisten und dafür Sorge tragen, dass das Geld fließt. Je öfter und je schneller, desto besser.  So etwas nennt man  – wenn ein paar weitere Dinge berücksichtigt werden – nachhaltige Regionalentwicklung.

Auch langfristig denken: Für unsere Kinder und Kindeskinder

Nachhaltigkeit erfordert nämlich darüber hinaus, die langfristigen Folgen unseres Handelns zu berücksichtigen: Für die Natur und das Klima, für die Wirtschaft und die Arbeitswelt und last but not least: Für das, was die Wissenschaftler „Sozialkapital“ nennen: Das gute Miteinander und das Vertrauen in einander, das für eine Gemeinschaft so wichtig ist. Ökonomisch braucht eine nachhaltige Regionalentwicklung viele kleine Wirtschaftskreisläufe, die auf den „endogenen Potentialen“, den Ressourcen, den Fähigkeiten und Stärken einer Region der Menschen beruhen. Im wahren Norden bedeutet das unter anderem: Auf der Windenergie, der Sonne und der Biomasse, der Landwirtschaft und den vielen fleißigen HandwerkerInnen und UnternehmerInnen, Hoteliers und Gastwirten und HändlerInnen die ihr Bestes geben.

Womit wir wieder am Anfang angekommen wären: Nachhaltige Regionalentwicklung erfordert auch  in Nordfriesland und in Friedrichstadt  “mehr Wochenmarkt und weniger Weltmarkt”. Und zwar überall dort wo es ökonomisch und sozial Sinn macht und Freude stiftet. Es geht darum den Reichtum der Region in Wert zu setzen und gute Arbeit für möglichst viele Menschen zu ermöglichen. Wir für einander. Wir für uns. Wir könnten das.

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Jetzt erst recht Zukunftsstadt Friedrichstadt in der dritten RundeFoto: A. Grzybowski