Michael Naura und Wolfgang Schlüter: Zwei Freunde, die Jazzgeschichte geschrieben haben

Michael Naura, der die letzten zwei Jahrzehnte mit seiner Frau Christina nur zehn Minuten von Friedrichstadt  entfernt gelebt hat, wird vielen ein Begriff sein. Weniger bekannt ist vielleicht, dass der im Februar 2017 verstorbene Jazzmusiker, Journalist und Maler für seinen Freund Wolfgang Schlüter  als Dank für 25 Jahre Freundschaft das Lied mit dem schönen Titel “Silberhochzeit” komponiert hat. Es ist auf der CD “Country Children” zu hören und in der Fassung von damals auch auf youtube.

Begonnen hat die Freundschaft der beiden Ausnahmemusiker in Berlin in den 60er Jahren. 1956 holte Michael Naura den Schlagzeuger und Vibraphonisten  Schlüter dann nach Hamburg in sein Quartett. Sieben Jahre spielten sie dort sechs  Nächte pro Woche in einer Jazzkneipe, bis Michael Naura aus gesundheitlichen Gründen eine längere Pause einlegen musste.

Nach seiner Genesung zog sich Naura aus dem aktiven Musikerleben zurück, arbeitete als Journalist und leitete die Jazzredaktion des Norddeutschen Rundfunk. Nachdem er sich ins Privatleben zurückgezogen hatte, entdeckte er auch noch das Malen.

Nauras schicksalhafte Begegnung mit dem Hamburger Schriftsteller und Lyriker Peter Rühmkorf brachte ihn in den 70er Jahren wieder eng mit Wolfgang Schlüter zusammen.  Zu Dritt produzierten sie  die lyrischen Jazzalben “kein Apolloprogramm für Lyrik”  (1976) und “Phönix voran” (1978).

Schöne Beispiele für ihre musikalische Kongenialität sind die Platten “Call” (1979), “Country Children” (1977), “Ochsenzoll” (1985) und “Orang-Utan” (mit  Claus Bantzer) (1985).

Die große Wertschätzung, die Naura für seinen Freund Schlüter empfand, ist dem  Portrait  “Wolfgang Schlüter wird 50” zu entnehmen, das am 14. Oktober 1983 anlässlich des fünfzigsten Geburtstages seines Freundes in der Hamburger Wochenzeitung “DIE ZEIT” erschien:

“Funkenstiebendes Vibraphon”

Da machten die gelehrten Herren von der Prüfungskommision der Berliner Hochschule für Musik aber Riesenaugen. Was ihnen der spillrige Mann aus Ost-Berlin auf dem Xylophon aus einem Werk von Hindemith gerade vorhämmerte, war brillant, es war reif für ein mit Auszeichnung bestandenes Schlagzeug-Studium: Voraussetzung für eine Karriere in den sinfonischen Orchestergräben der Welt. Schon lockte Radio Dublin mit einem Vertrag. Doch es kam ganz anders, und das hatte zwei Gründe.

Wolfgang Schlüter hatte sich mit einer Jazzplatte eine unheilbare musikalische Infektion zugezogen. Der Bazillus hieß Lionel Hampton, ein swingender Berserker auf dem Vibraphon, ein leuchtendes Beispiel dafür, daß dieses Instrument ein Bruder des Schlagzeugs, nicht des Klaviers ist. Vollends dem seriösen Lager entfremdet würde Schlüter durch einen Vorführer, der in meiner Gestalt in sein Leben trat. Ich war damals -–Anfang der fünfziger Jahre – meines Philosophie- und Soziologie-Studiums überdrüssig und wollte unbedingt Jazz auf dem Klavier spielen. Wir gründeten eine Band und begaben uns auf eine Bahn, die Hasenherzen abschüssig nennen.

Aber es ging nach oben. 1953 gaben wir unser erstes Konzert in einem Berliner Studentenkeller. Dreißig Jahre später, im Alter von fünfzig Jahren, ist Wolfgang Schlüter einer der großen Vibraphonisten, die man an einer Hand abzählen kann. Und ich? Ich kann immer noch keine Tonleitern, betreibe Jazz wie das Atmen, und als sein Klavierspieler hatte ich drei Jahrzehnte wie ein Vogelwart Gelegenheit, das Mausern dieses erstaunlichen Vibraphon-Wesens zu beobachten.

Er war nie ein Pfau. Das Radschlagen überläßt er anderen. Sich feiern zu lassen, Triumphbögen zu durchschreiten, wie sein Kollege Gunter Hampel beim Jazzfest in Berlin tun wird, ist ihm zuwider. Er arbeitet lieber, hat immer versucht, seinem „Frigidaire“ Wärme abzuringen. Das Ergebnis war schon frühzeitig eine instrumentale Meisterschaft, die einst sogar seinen Schwarm Lionel Hampton verdutzt hat. Als der nämlich auf einer Deutschland-Tournee in jenem Keller landete, wo Freund Wolfgang Schlüter seine „Feldschmiede“ bearbeitete und gerade auch noch „Flying Home“ spielte, da mußte der Meister aus USA seine Überlegenheit unbedingt beweisen. Das wäre ja noch schöner: So ein Bleichgesicht will mir vormachen, wie man Vibraphon spielt!

Schlüter schnitt bei diesem Wettkampf nicht schlecht ab. Und später, als wir vom köstlichen Geklingel des Modern Jazz Quartetts ganz verzaubert waren, begann er das Spiel von Milt Jackson zu studieren. Was heißt studieren? Damals gab es keine Noten, damals lagen wir oft Tagelang vor dem Plattenspieler auf dem Boden und hörten Note um Note jener Musik ab, die uns so viel bedeutete. Und langsam gingen uns jene zwischen mythischen Stücke ins Blut über: „Bluesology“, „Softly as in a morning sunrise“, „Angel eyes“.

Wer spielte da wirklich vor uns auf dem goldschimmernden Instrument? War es der weiße Bundesbürger Wolfgang Schlüter oder der schwarze Amerikaner Milt Jackson? Alles verwischte sich. Auch die Hautfarben. Eines Nachts ersetzt mich für ein paar Stücke ein farbiger Klavierspieler. Grausig hat der gespielt. Schlüter drehte sich um und fragte ihn: „Und du willst ein Neger sein?“ Es gibt Schriftsteller, die nie etwas von einem Kollegen lesen. Sie haben Angst. Im Jazz ist es völlig unmöglich, die Ohren vor den Kollegen zuzusperren. Jazzmusiker arbeiten nun einmal nicht im Wald. Das Problem ist: Wie werde ich meinen Kollegen im Kopf wieder los?

Vielleicht ist das das Erstaunlichste an dem Vibraphonisten Wolfgang Schlüter: Er hat es geschafft, daß ihm seine Vorbilder nicht die Seele auffraßen. In großer Gefahr war er, als der Amerikaner Gary Burton völlig neue technische Maßstäbe für das Vibraphon setzte. So wie Burton hatte noch kein Mensch mit Schlegeln Metall zum Klingen gebracht. Burton spielte Klavier auf dem Vibraphon. Schlüter fühlte sich, als hätte man ihn den Fehdehandschuh hingeworfen. Er übte wochenlang mir roten Ohren, und bald raste er über sein Instrument wie eine verrückte Spinne, wie Gary Burton.

Aber ach, was war das für ein Ergebnis! Musikalische Eislandschaften, feinster Hintergrund für eine Dichterlesung, für Andersons „Schneekönigin“. Wolfgang Schlüter hat schnell begriffen, daß er wieder seine Wurzeln pflegen muß. Und er spielt heute so, daß man gelegentlich glaubt, einem der großen der Swing-Ära zuzuhören, einem, der noch weiß, wie man den „Airmail Spezial“ entzünden muß. Und zum völlig freien Spiel holt er seinen selbst konstruierten „Cluster-Hammer“ hervor. Mit ihm lehrt er die Free-Jazz-Gläubigen das Fürchten. Das Vibraphon scheint funken zu stieben.

Nicolai Gogol läßt in seiner Novelle „Das Porträt“ den wahnsinnigen Maler Tschartkoff sagen: „Das Genie schafft kühn und schnell.“ Nein, ein Genie ist der bedächte Wolfgang Schlüter nicht. Aber er ist ein Musiker, der, obwohl im Rundfunkvertrag, den Jazz nicht im Stich gelassen hat und dessen ruhige Integrität und reife Improvisationskunst in Europa – wie bei seiner neuen Platte  – ohne Beispiel ist.”

 

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