Betrachtungen zur Corona-Pandemie-Ausklingphase in schwarz-weiß

In Krisenzeiten neigt man dazu, die Dinge extrem zu sehen. Das gilt natürlich besonders für den Fall, da der Auslöser der Krise geeignet scheint, das eigene Leben zu bedrohen. Wenn wir in uns im Panikmodus befinden, neigen wir dazu die Dinge schwarz-weiß zu sehen. Aus diesem Grunde habe ich mich entschieden, einen Beitrag in schwarz-weiß zu schreiben. Denn natürlich bin ich von diesem Phänomen nicht ausgenommen. Allerding neige ich schon seit Urzeiten dazu, mich als Grenzgänger zwischen den Welten zu bewegen.

Keep it simple and stupid

Es ist eine meiner Hauptthesen in der politischen Arbeit, dass man Dinge nicht regeln sollte, welche man nicht durchzusetzen im Stande ist. Die Regeldichte in zivilisierten Ländern im Allgemeinen und in Deutschland im Speziellen ist derart hoch, dass man als Bürger schlicht keinen Überblick mehr darüber hat, was man nun darf und was man eher nicht darf. Ich schlage deshalb vor, dass man die Dinge so einfach wie möglich hält. Schwarz-weiß halt. Regeln die einfach sind, werden stärker eingehalten, sagt die Spieletheorie und die muss es wissen. Wobei im gesellschaftlichen Kontext die Sache etwas komplizierter ist.  Es geht hier nicht darum, dass Dinge eingehalten werden. Es geht darum, dass jedem klar sein muss, dass die Nichteinhaltung unmittelbare Konsequenzen hat. Deshalb ist es so wichtig, dass man Regeln durchsetzen kann. Oder darauf verzichtet. Im Recht darf es auf jeden Fall keinen Graubereich geben. Graubereiche gibt es natürlich trotzdem. Es sind eigentlich weiße Bereiche (also erlaubtes Terrain), welche man aus einem zwischenmenschlichen Blickwinkel betrachten muss. Soll ich das wirklich machen oder verbietet es mir der Anstand, mein Mitgefühl oder was auch immer, dieses Recht tatsächlich wahrzunehmen? Aber das ist ein anderes Thema. Hier geht es um Recht. Wenn wir zur Bekämpfung der Covid-19 Pandemie Regeln aufstellen, dann müssen diese in erster Linie Sinn machen. Das ist schon schwer genug, denn die Wissenschaft ist sich ja noch nicht definitiv einig, was genau denn Sinn macht und was nicht. Doch der Wissensvorrat wächst und die Entscheidungen in dieser Beziehung werden zunehmend verlässlicher. Was man auf jeden Fall nicht machen sollte: Regeln aufstellen, die nicht durchgesetzt werden. Was wir in den letzten zwei Wochen allein in Friedrichstadt an Regelverstößen gesehen haben, gefährdet die ganze Vorsorgegeschichte. Nicht allein, was die Ansteckungsrisiken anbetrifft, sondern die generelle Akzeptanz der Maßnahmen. Wenn 100 Biker die Stadt in Besitz nehmen können, ohne sich einen Deut um die Regeln zu scheren, dann ist das einfach nicht in Ordnung. Seit Wochen erleben wir ohne Ende Denunziationen unter der Bevölkerung. Aber wenn eine auswärtige Gruppe in die Stadt einfällt, dann kümmert sich kein Aas um diese Geschichte. Das kann nicht sein. Und das mit den Bikern war nur der offensichtlichste Vorfall in dieser Woche.

Schwarz-weiß Rot

Ich habe mich in den letzten Wochen bezüglich der Bemühungen der Stadt, das Gewerbe bei der Bewältigung der Krise zu unterstützen, arg zurückgehalten. Es waren Zeiten, in denen ein Zusammenrücken und das Zusammenhalten gefragt waren. Da durfte man auch einmal schweigen. Zumal die Bemühungen ja im schlimmsten Falle niedlich waren. Passieren konnte da (auf beide Seiten) nichts. Aber nun ist die Krisenzeit vorbei, was die Stadt dazu bewegt hat, allen Gewerbetreibenden (sinnesgemäß) mitzuteilen, wie wichtig es sei, dass nun alle Geschäfte öffnen und die Gäste mit offenen Armen empfangen würden. Als würden UnternehmerInnen, denen das Wasser bis zum Halse steht, nicht selbst wissen. Wozu braucht es dazu eine Stadt? Wo diese in wirtschaftlicher Hinsicht jetzt nicht zwingend das goldene Händchen hat…

Lasst es doch einfach bleiben

Eigentlich bin ich der Meinung, dass die Verwaltung der Stadt wunderbar funktioniert. Sie würde vermutlich noch besser funktionieren, wenn man ganz auf den politischen Überbau verzichten würde. Dann könnte sie sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Aber noch gibt die Politik ja noch.

Schwarz-weiss Hinweisschild Friedrichstadt Corona Covid-19 HygienevorschriftZu den wesentlichen Dingen gehört deshalb ganz offensichtlich, dass Verkehrsströme in Friedrichstadt geleitet werden müssen. Warum auch immer. Sicherlich gibt es schlaue Köpfe, welche hinter diesem dämlichen Schild* ein gesundheitspolitisches Erfordernis erkennen. Welche Wirkung es haben soll, bleibt den übrigen Bürgern jedoch verschlossen. Und da wäre wieder der Punkt mit der Durchsetzung.  Selbst wenn das Schild gesehen würde: Ohne Durchsetzungsmechanismus ist es einfach nur eine Farce. Es schadet der Sache mehr, als es nützt. Schlecht gedacht, schlecht gemacht und nicht durchgesetzt. Nein, ihr müsst deswegen nicht nachsitzen. Lasst es einfach bleiben. Das reicht. Vielleicht sollten wir aber einfach nur froh sein, dass das Schild niemand gesehen hat. Denn sogar das Schild ist schlecht gemacht. Einmal abgesehen von der fantasievollen Gestaltung des Wortes PRINZENSTRAßE, zeigt es, wie gedankenlos die Stadt mit Logos umgeht. Da scheint es zwei Fraktionen zu geben. Auf der einen Seite das Marketing und das Gesundheitsamt. Und auf der anderen Seite die Bürgermeisterin mit Ihrem Privatlogo, welches sinnentleert in der Luft hängt. Vielleicht sollte man sich im Rathaus einmal darauf einigen, welches Logo man für die Kommunikation zukünftig einsetzt. Und welches man eintütet und entsorgt.

Die 2. Welle wird kommen

Man nennt es das Präventionsparadox. Je besser ein Präventionsmaßnahme wirkt, desto kleiner ist der Einfluss des Risikos auf den Einzelnen. Desto geringer ist die Akzeptanz der Vorsorgemaßnahme. Man muss nur einmal auf den Marktplatz stehen und sich die Umgebung genau betrachten: Es ist offensichtlich, dass die Menschen keine Angst mehr vor dem Virus haben. Außerdem sind gewisse Maßnahmen vielleicht im Labor sinnvoll, in der Praxis aber völlig absurd. Hygiene funktioniert aber nur, wenn man schwarz-weiß denkt und 100% konsequent handelt. Das ist aber nicht der Fall. Wir dürfen deshalb mit einer zweiten Welle rechnen. Die Frage ist nur wann und wie stark sie ausfallen wird.

 

*Ganz egal ob es in SPO auch so gemacht wird: Es ist dämlich!

Manchmal muss man auch Schwein haben

Die letzte Krise hat uns 2008 getroffen. Wir wollten gerade mit einem großen Projekt durchstarten, als uns die Finanzkrise getroffen hat. Und zwar mitten ins Herz. Wir konnten gar nicht so schnell unsere Kosten runterfahren, wie die Umsätze weggebrochen sind. 12 Voll- & Teilzeitbeschäftigen mussten wir künden. Unser ganzes Kapital war vollständig futsch. Wir standen haarscharf vor der Pleite. Den Arsch gerettet hat uns ein Schiff aus Norwegen, welches in der Nordsee eine Havarie erlitten hat. An Bord: Aluminiumlegierungen des Umschmelzriesen Hydro. Die Hälfte aller Gießereien in Deutschland gerieten mit einem Schlag in Not, weil sie das eingeplante Gussmaterial plötzlich nicht mehr verfügbar hatten und auf andere Quellen zurückgreifen mussten. Wir konnten liefern und waren beinahe so schnell wieder im Geschäft, wie wir vorher rausgekegelt wurden. Diese Woche durften wir eine ähnliche Erfahrung machen: Weil beliebte Ausflugsziele am Meer immer noch für Tagestouristen gesperrt sind, wichen diese nach Friedrichstadt aus. Wir haben die Tage Umsätze im Rosen-Huus gemacht, die wir normalerweise im Juli und August sehen. Und das, obwohl die Masse der Besucher jetzt nicht derart riesengroß war.

Kurz an der Champions League schnuppern…

Was mich an dieser Tatsache besonders freut, ist weniger der Umsatz von ein paar hundert Euronen. Das ist nett. Besonders gefreut hat mich aber, dass eine meiner Thesen bestätigt wurde. Friedrichstadt spricht ein, bezüglich seiner Kaufkraft, unterdurchschnittliches Kundensegment an. Ich fordere ja seit drei Jahren, dies durch ein attraktiveres Angebot zu ändern. Das Ziel meiner Strategie ist, mit weniger Besuchern mehr Wertschöpfung zu erzielen. Diese Woche hat gezeigt, wohin eine solche Entwicklung führen könnte. Nur damit Sie als Leser oder Leserin eine konkrete Vorstellung haben: Wir haben unsere Umsätze pro Kunde verdreifacht. Trotz aller Einschränkungen und Hindernissen. Faktor 3! Anders als 2008 ist diese Entwicklung vermutlich nicht von Dauer, denn am Angebot hat sich seit 2015 kaum etwas verändert. Wenn man einmal von einem neuen Logo, neuen Bänkchen und Hinweisschildern absieht. Das wird aber nicht reichen. Sobald SPO und die anderen Nordseedestinationen wieder voll zugänglich sind, ist dieses Publikum deshalb wieder weg. Schade eigentlich.

Die Soforthilfe wirkt

Wenn man den Begriff „Soforthilfe“ nicht allzu wörtlich nimmt, kann man aus Friedrichstädter Perspektive mit der Soforthilfe des Bundes, bzw. des Landes sehr zufrieden sein. Da muss man es jetzt mit dem schwarz-weiß sehen nicht übertreiben. Gerade die Friedrichstädter, welche in den Monaten März und April jetzt nicht arg viel Umsätze schreiben, dürften unter Umständen aktuell besser dastehen, wie in anderen Jahren. Jetzt nehmen wir den SPO Bonus mit und gehen optimistisch in die Sommersaison. Mit etwas Glück bleiben  am Ende nur die Gastronomen und die Hotellerie auf der Strecke… Das klingt so böse wie es ist. Wir müssen uns um die Restaurationsbetriebe und die Hotels (besonders jene, welche eine eigene Küche haben und nicht zuletzt von Banketten leben) ernsthafte Sorgen machen. Mit Take-away allein, werden die nicht durchzufüttern sein. Die Gefahr, dass der Standort richtig leiden wird, ist darum real. Ich sehe es trotzdem positiv. Vielleicht hilft diese einschneidende Erfahrung, dass sich die Verantwortlichen zukünftig nicht nur mit Fragen der Stadtdekoration beschäftigen. Der Corona Virus könnte den Anstoß liefern, sich konzeptionelle Gedanken zum Tourismus zu machen. Vielleicht nicht in diesem Jahr. Aber ich bin froher Hoffnung, dass die nächste Generation städtischer Führungskräfte, dieses Thema angreift. Lange kann das ja nicht mehr dauern.

Sicheres Ankunftsland

Eines haben die letzten drei, vier Wochen aber auch gezeigt. Nicht nur hier, sondern in ganz Europa. Zumindest aus Ländern, von denen man einigermaßen verlässliche Informationen erhält: Die Leute werden sich nicht davon abhalten lassen zu Reisen. Im Gegenteil! Die Wochen in den eigenen vier Wänden haben dieses Bedürfnis ganz offensichtlich sogar noch verstärkt. Allerdings könnte sich das Reiseverhalten verändern. Auch das ist offensichtlich geworden, wenn man sich so in der Welt umsieht. Sogenannt „sichere“ Destinationen werden bevorzugt. Zweifellos gehört Schleswig-Holstein auch dazu und wir in der kommenden Saison vermutlich zu den Gewinnern zählen. Relativ betrachtet. Und unter der Voraussetzung, dass man überhaupt von Gewinnern sprechen kann (und darf). Aber um die Schwarz-weiß Betrachtung würdig abzuschließen: Der kommende Zustrom von Besuchern, in Kombination mit einem zunehmend ignoranten Verhalten der Menschen, wird auch dazu führen, dass die Gefahr einer zweiten Welle steigt. Ob Schleswig-Holstein dann weiterhin unter den sicheren Regionen rangiert? Keine Ahnung. Weiß niemand.

Reduce to the max!

Nein, so möchte ich diesen Beitrag in schwarz-weiß nicht beenden. Vielmehr möchte ich es lupenrein weiß schließen: Keine Ahnung, wie Sie die Wochen des Lockdowns erlebt haben. Für meine Frau und mich war es eine der glücklichsten Phasen unseres Lebens. Wie heißt es doch so schön: reduce to the max! Es war für uns Erholung pur. Erstaunlich, auf was man alles gut verzichten kann… Ok. wir hatten auch keine Kinder in den vier Wänden. Trotzdem war es wohl für alle eine lehrreiche Zeit: Weniger geht! Gibt Hoffnung für die nächste Krise.